Dienstag, 5. Mai 2015

Nüchtern: Über das Trinken und das Glück

Als ich mir das Buch von Daniel Schreiber gekauft habe, war ich es schon: nüchtern. Kein Aperol Spritz, kein kühler Weißwein mehr, der mir die Sicht auf die Erkenntnis vernebelte, dass Alkohol viel zu lange dazu gedient hat, mein Leben weichzuspülen. Nicht exzessiv, nie unangenehm, nicht laut - nur regelmäßig. 

Alkohol ist eine Volksdroge. Ein gesellschaftlich anerkanntes Rauschmittel, das Jahr für Jahr Tausende Menschen tötet. Wer trinkt, gehört dazu. Wer nüchtern bleibt, wird schnell zur Spaßbremse degradiert. Menschen, die das Trinken als Kulturgut in den Himmel heben, gibt es en masse. Menschen, die den Mut haben, die nüchternen Fakten jenseits von Gesundheitsberichten offen auf den Tisch zu legen, findet man dagegen eher selten. Noch kostbarer sind jedoch all jene, die nicht nur nichts verklären, sondern uns abseits von anonymen Gruppen mit ihren Erfahrungen bereichern.

Das ist einer von mehreren Gründen, warum dieses Buch ein großes Geschenk ist. Weil der Autor den Spot direkt auf ein kollektives Drama richtet, das von Betroffenen und Zuschauern allzu gern weichgezeichnet wird. Daniel Schreiber gelingt das auf sehr charmante, geradezu feingeistige und sensible, aber eben auch auf sehr direkte Art. Denn was kann authentischer sein, als die eigene Geschichte zu erzählen und sie geschickt in die Tatsache einzuflechten, dass die Selbstzerstörung durch Alkohol mittlerweile fast zum Volkssport aufgestiegen ist.

Was mir beim Lesen wirklich imponiert hat, war, wie unprätentiös Daniel Schreiber das Thema anpackt. Da ist kein erhobener Zeigefinger, keine spießige Ode an die Abstinenz. Schreiber lenkt den Blick auf etwas anderes und das ist ein weiteres Geschenk dieses Buches. Er zeigt uns die andere Seite. Die, die wir hinter unseren täglichen Trinkritualen gar nicht mehr erkennen können. Und das ist sehr geschickt, denn damit entzaubert er die Mär, dass wir auf etwas verzichten müssen, wenn wir nüchtern bleiben. Schreiber verschiebt den Fokus auf den Gewinn. Auf das Glück, sich nüchtern zu begegnen ohne dabei zu bagatellisieren, dass Abstinenz für einen Abhängigen für immer eine Herausforderung bleibt. Weil man sie nicht verlernt. Weil sie in uns gespeichert ist - ein Leben lang.

"Nüchtern" ist ein Buch ganz in Kafkas Sinne. Eines das "beißt und sticht". Man kann es nicht lesen und danach völlig selbstvergessen zum nächsten Glas greifen. Das sollte jeder wissen, der es in die Hand nimmt.

Daniel Schreiber
Nüchtern: Über das Trinken und das Glück


ISBN : 978-3-446-24650-8
€ 16,90 (D)
€ 17,40 (A)
CHF 23,90 (CH)

Lesungen: HANSER LITERATURVERLAGE TERMINE

Kommentare:

  1. Hallo Jeannette,
    danke für deine Buchrezension hört sich wirklich lesenswert an, zumal
    ich auch der Meinung bin, dass der "Erhobene Zeigefinger"
    bei Abhängigkeit egal ob Alkohol, Zigaretten oder andere Drogen übehauptt sinnvoll ist.
    Denn jeder Mensch, der abhängig ist, weiß das auch, doch der Weg zurück ist das
    Schwierige, der eine kann es hinter sich lassen, der andere resigniert.
    Ich finde dieses Thema sehr interessant, hatte mal eine Bekannte, die mit 45 Jahren
    auf Grund exzessiven Alkohlismus an Leberversagen starb. Auch gebe ich der Gesellschaft
    eine Mitschuld, denn wie du schreibst: "Man ist nicht in" wenn man nicht ein Glas
    mittrinkt und für manche ist eben dieses eine Glas ein Glas zuviel.
    LG Sadie

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  2. Genau so ist es. Danke für Deinen Kommentar!

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