Mittwoch, 21. Mai 2014

Scarlett Lewis "Ich hab dich immer lieb"

Wie schafft es eine Mutter über den Verlust des eigenen Kindes hinwegzukommen? Noch dazu, wenn der Sohn auf so grausame Weise sterben musste, wie Jesse - durch die Waffe eines Amokschützen, der 2012 völlig willkürlich 26 Kinder und Erwachsene erschoss, die sich im Schulgebäude einer Grundschule in Newton aufhielten? Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Buch lese.


Weil ich ja selbst Mutter bin und die Vorstellung, eines meiner drei Kinder zu verlieren, so schrecklich für mich ist, dass sich mein Herz allein bei dem Gedanken daran, dass jemand anderem so etwas passiert, schon zusammenkrampft und mir die Tränen in die Augen steigen.
Schon nach den ersten Seiten hat es mich emotional so durchgeschüttelt, dass ich es manchmal kaum aushalten konnte und das Buch weglegen musste, um tief durchzuatmen. Da hilft es, dass es sprachlich in einem eher sachlichen, man möchte fast sagen nüchternem Ton daherkommt. Anders hätte ich es vermutlich nicht durchgestanden.
Resilienz - ein Wort, das in letzter Zeit häufiger auftaucht. Immer dann, wenn über Menschen berichtet wird, die in großen Krisen auf eine innere Kraftreserve zurückgreifen können und darum an Verlusten, so wie Scarlett Lewis ihn erlebt hat, nicht zerbrechen. Natürlich genährt auch durch äußere Umstände. Durch Hilfe, Zuspruch, Glaube und wie im Buch eindrucksvoll geschildert, durch kleine Zeichen, die der Sohn aus dem Jenseits schickt. Das ist sicher die Stelle, an der einige Menschen den Kopf schütteln und das Buch beiseite legen. Weil sie Übersinnliches für Humbug halten.
Ich dagegen meine, dass diese Offenheit für etwas, das sich nicht mit unseren wissenschaftlichen Erklärungsmodellen fassen lässt, doch gerade das ist, was der Resilienz erst die Türen öffnet. Vergleicht man solche tragischen Geschichten, und die Lebensläufe der Hinterbliebenen, dann sind es oft genau jene übersinnlichen Wahrnehmungen, die Heilprozesse anstoßen oder erst möglich machen.
Scarlett Lewis ist eine starke Frau. Sie hat es geschafft, in etwas absolut Sinnlosem - dem Tod von ihrem Sohn Jesse - einen Zugang zu ihrer eigenen tiefen Liebesfähigkeit zu finden. Und zwar auf einer höheren Ebene, die die Kraft mit einschließt, andere zu inspirieren, Erfahrung zu teilen und damit Trost zu spenden.
Und das ist auch die Botschaft, die beim Lesen mit jeder Seite an Bedeutung gewinnt. Dass es einen Weg gibt. Dass es möglich ist, die Trauer durchzustehen, dass die Liebe nicht mit dem Tod des geliebten Menschen endet und dass es sogar möglich ist, aus den Trümmern des Verlustes etwas ganz Neues wachsen zu lassen.
Mich hat beim Lesen beeindruckt, wie offen die Autorin mit ihrem Schmerz umgeht, ohne dass man auch nur einen einzigen Moment das Gefühl hat, dass sie anklagt oder sich in der Opferrolle einrichtet. Ganz im Gegenteil.
Scarlett Lewis zeigt uns einen Weg, der - würden wir ihn alle verinnerlichen - dazu beitragen kann, diese Welt zu einem besseren Ort werden zu lassen: "Wir alle müssen uns für die Liebe entscheiden, Mr. President!" sagt sie bei einem Treffen zu Barack Obama. Und das ist es. Weil Menschen, die geliebt werden und wirklich lieben können, keine Gewalttaten vollbringen. Weil sie nicht andere schwächen müssen, um sich selbst stark zu fühlen.
Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich dieses Buch gelesen habe.

Das Buch ist erschienen im LEO Verlag und kostet 16,99 Euro.
Wer die Autorin live erleben möchte - hier sind die Lesetour-Daten



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